Als reiner “Internet-Gestalter” schätze ich den konstruktiven Dialog mit “klassischen” Gestaltern. Ein aktuelles Thema ist der Einfluss von Social Communities auf die visuelle Kommunikation in Off- und Online-Medien. Können uns Social Media Sharing Sites wirklich Inspirationen für unsere eigene Arbeit liefern oder entsteht aus diesen lediglich ein Brei aus allgemeiner Gefälligkeit und bereits gehabtem? Kann durch die Beurteilung durch die Masse Neues entstehen oder nur der Geschmack der Mehrheit reflektiert werden?
Auf der Suche nach Relevanz: Crowd Sourcing und Collaborative Filtering
Social Media Sites basieren gewöhnlich auf dem Prinzip des Crowd Sourcing sowie des Collaborative Filtering. Beiträge welche durch viele User als positiv bewertet werden erhalten generell eine höhere Relevanz und dadurch mehr Gewicht (Crowd Sourcing). Inhalte, welche durch Menschen mit ähnlichem Verhaltens- und Interessensprofil als relevant beurteilt werden erhalten für mich als Individuum eine höhere Gewichtung (Collaborative Filtering). Dieses Matching an Interessen basiert auf unterschiedlichsten Faktoren wie z.B. meinem Benutzerprofil (geografische / demografische Angaben), meinem Surfverhalten, meinen „Likes“, meiner Tags oder meinen publizierten Beiträgen und Bewertungen (z.B. Produktereviews).
Die Beurteilung durch die Masse hilft dabei, Inhalte zu identifizieren welche dem Massengeschmack entsprechen (Short Tail). Ob diese „Wisdom of the Crowd“ wirklich als Weisheit bezeichnet werden kann sei dahingestellt – die Präferenz der Masse und somit die Grundlage für eine kommerzielle Nutzung der damit hochgespülten Inhalte (z.B. Bücher, Musik) kann sie jedoch zweifelsohne liefern.
Im Long Tail (ausserhalb der Top 10 der Masse) hilft das Collaborative Filtering Inhalte zu finden welche meinem persönlichen Interesse entsprechen. Die Frage stellt sich jedoch: entdecke ich damit wirklich Neues oder erhalte ich durch dieses Filtering sowieso nur Inhalte welche meinem Profil entsprechen und dadurch mir bereits Bekanntem entsprechen?
In den klassischen Medien wird Relevanz durch Experten, Lektoren, Redakteure etc. definiert, in Online Medien durch eine Vielzahl komplexer Algorithmen. Die Masse an Informationen welche im Internet verfügbar ist fordert Filter um für mich relevante Inhalte zu identifizieren. Doch eben diese Filter blocken sehr oft Informationen ab welche nicht exakt meinem Profil entsprechen und lassen mich damit neue Inhalte schon gar nicht erst entdecken und mich schlimmstenfalls in meiner selbst geschaffenen Welt stehen. Anlässlich eines TED Referats hat der Online-Unternehmer Eli Parser interessante Überlegungen zu dieser Thematik aufgeführt. Diese Filter Bubble erhält jedoch erst dann einen zensurähnlichen Charakter wenn mir entscheidende Informationen bereits in der ersten Stufe meiner Informationsgewinnung (z.B. bei der Suche auf Google) vorenthalten bleiben.
Redakteure vs. Algorithmen: wer empfiehlt mir meine Welt?
Doch worin unterscheidet sich nun der Filter durch Redakteure von automatischen Filtern? In traditionellen Medien entscheiden Fachexperten welche Inhalte für mich von Relevanz sein können und nehmen dadurch eine Selektion vor auf die ich mich aufgrund meiner Beurteilung dieser Personen verlasse. In der Online-Welt wird diese Vorauswahl durch Jedermann/-frau vorgenommen. Dadurch können Inhalte relevant werden welche den Kriterien eines einzelnen Redakteurs nicht entsprochen hätten, aber dennoch Wert sind entdeckt zu werden. Und eben genau diese Inhalte können mir durchaus Inspirationen liefern – auch wenn sie vielleicht in ihrer Qualität nicht den Werten eines Experten entsprechen. Was ich daraus mache, wie ich diese Idee weiterentwickle und verbessere liegt nun in meiner Hand.
Und auch im Umgang mit neuen Medien bleibt schlussendlich die unabdingbare Notwendigkeit, Inspirationen interdisziplinär und an verschiedenen Quellen zu suchen. Jedoch lässt sich nirgendwo leichter in andere Disziplinen und Subkulturen Einblicken als vor dem eigenen Bildschirm. Ob wir uns dem Einheitsbrei fügen oder aus den gefunden Perlen neue Inhalte und Werte schaffen ist nun durch unser eigenen gestalterischen Fähigkeiten definiert.